Digital Intelligence und Ermittlungsanalytik sind die Zukunft der Ermittlungsarbeit. Ermittler stehen vor einer wahren Informationsflut, und müssen digitale Werkzeuge noch heute anpassen, erlernen und meistern, um morgen Fälle aufklären zu können.

Wir haben mit vier erfahrenen Ermittlern gesprochen, um mehr darüber zu erfahren, wie Ermittlungsanalytik heute aussieht, welche Herausforderungen die Zukunft bringt, und was die Lehren aus der Vergangenheit sind. Brendan Morgan, Danny Garcia, John McHenry und Adam Riley verbindet eine Leidenschaft dafür, Leben zu schützen und zu retten, die Justiz zu beschleunigen, und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. 

Erfahren Sie mehr über den aktuellen Stand von Investigative Analytics, die Herausforderungen denen Ermittler heutzutage gegenüber stehen und die wichtigsten Lektionen die diese dabei gelernt haben.

LEIDENSCHAFT FÜR POLIZEIARBEIT

Die vier haben Jahrzehnte an Ermittlungserfahrungen bei bekannten Behörden und Dutzende von persönlichen dramatischen Geschichten. Hier erzählen sie uns von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Ermittlungen.

„Es ist nicht nur ein Job, es ist Deine Identität“
– Brendan Morgan

Danny Garcia, ein ehemaliger Ermittlungsbeamter, erzählt: „Es ging los, als ich ganze 15 Jahre alt und Teil des Explorer-Programms bei den US-Pfadfindern war. Und mit 21 war ich dann bei der Polizeibehörde in Miami Dade.“  

Dann ist da noch Brendan Morgan, der schon früh die Frage nach dem „Warum“ stellte – es ist nur logisch, dass er später Ermittler wurde. „Mich hat immer das “Warum“ interessiert. Warum ist das passiert? Warum sitzt dieser Mensch jetzt vor mir in diesem Zimmer? Es gibt viele Gründe, aus denen Menschen Verbrechen begehen. Und ich wollte immer die Denkweise der Menschen verstehen.“  

Ermittler zu sein ist nicht nur ein Job – es geht in Fleisch und Blut über, wird zur Berufung. Man macht sich immer Sorgen, ein wichtiges Beweisstück zu übersehen oder die falsche Person ins Gefängnis zu bringen. Und es gibt immer dieses schlafraubende Gefühl, das da noch etwas fehlt … 

WACHSENDE TECHNOLOGISCHE HERAUSFORDERUNGEN

„Früher hatte ich immer einen Notizblock neben meinem Bett“, sagt Adam Riley. „So dass ich eine Idee sofort aufschreiben und mich am nächsten Morgen an sie erinnern konnte, wenn mir ein Gedanke zum Fall einfiel, an dem ich arbeitete. Sonst würde ich die ganze Nacht daran denken.“ 

Morgan sieht es genauso: „Man kann sich nie ausruhen. Immer passiert irgendwas, und es gibt nie genug Ressourcen. Du kannst als Ermittler nie einfach abschalten. Irgendwo verübt jemand ein Verbrechen, zu jeder Zeit. Und da die meisten von uns zum Persönlichkeitstyp A gehören, halten wir ständig Ausschau nach Antworten und Lösungen. Natürlich werden wir nie wirklich Gerechtigkeit für alle erreichen. Das Leben hat auch keinen Neustart-Knopf. Trotzdem kann es erfüllend sein, jemandem zu helfen, zu realisieren, was er oder sie falsch gemacht hat und wie man wieder ein produktives Mitglied der Gesellschaft wird.“

Über die Jahre haben alle vier realisiert, wie wertvoll Technologien bei ihrer Mission sind, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Natürlich werden Kriminalbeamte und Ermittler immer auf physische Beweise, auf ihre Vernehmungsfähigkeiten und ihren Spürsinn angewiesen sein; aber die Arbeit mit digitalen Beweismitteln ist zunehmend ebenfalls zu einem wichtigen Teil von Ermittlungen geworden. Der digitale Fußabdruck sagt in der modernen Welt immer mehr darüber aus, wer eine Person tatsächlich ist.

Diese Technologien bieten Ermittlern zwar Zugang zu einer revolutionären Entwicklung und lassen sie mehr Verbrechen aufklären, stellen gleichzeitig aber ein großes Problem dar.

„Stellen Sie sich vor, Sie könnten einen Tatort betreten und alles abspielen, was im Leben einer Person passiert war – Minuten, Stunden, Tage oder sogar Jahre, bevor das Verbrechen verübt wurde. Die Daten, die auf digitalen Geräten gefunden werden, erlauben uns, genau das zu tun. Wir können in der Zeit zurückreisen und die Geschehnisse abspielen. Das ist die unglaubliche Veränderung von Ermittlungen dank Digital Intelligence.“ –Danny Garcia, Ex-Ermittler

Ja, es ist hilfreich, die Geschehnisse am Tatort abspielen zu können. Aber Ermittler müssen sich durch riesige Datenmengen kämpfen, um relevante Details zu finden, und das führt zu Informationsüberflutung. Aber was macht man, wenn es einfach zu viele Daten und zu viele Quellen gibt?

EINE NEUE DENKWEISE

Inzwischen kommen neue Tools auf den Markt, die das branchenweite Problem der Datensättigung angehen. Damit stehen Ermittler jedoch vor der zusätzlichen Herausforderung, diese sich ständig verändernden Technologien und digitaleTools zu beherrschen und mit ihnen Schritt zu halten.

„Als ich zum ersten Mal realisierte, was mit Technologie alles möglich ist, wurde ich richtig sauer!“
– Adam Riley

„Als Ermittler willst Du ein Verbrechen aufklären und nimmst jede Unterstützung mit, um Deine Beweise zu validieren“, sagt Riley. „Du wirst an Deiner Fähigkeit gemessen, Lügen aufzudecken. Aber jetzt müssen sich Leute immer mehr darauf verlassen, was auf digitalen Geräten gespeichert ist. So ist die Welt nun mal.“  

„Früher ging es nur darum, was man sehen, anfassen und in die Tasche stecken konnte. Dann wurde es digital. Die Frage war, wie lange die Daten gespeichert würden – sie waren sehr flüchtig. Und die Herausforderung war nun: Was habe ich übersehen? Was weiß ich nicht? Wo war ich nicht schnell genug, um etwas zu sichern?“, erklärt McHenry. „Dinge, die Du nicht weißt, halten Dich dann nachts wach.“ 

Jeder von ihnen hatte den einen Fall oder Aha-Moment, als sie entdeckten, wie Digital Intelligence ihnen helfen konnte, einen Fall zu lösen, der ansonsten in eine Sackgasse führte.

Für Garcia war es ein Mordfall. „Eine Leiche wurde außerhalb einer Wohnung gefunden. Wir fanden ein Smartphone, das beschädigt und in einen Kanal geworfen worden war. Wir zogen es aus dem Wasser und brachten es ins Labor. Am Ende musste ich zum Hersteller nach New York fliegen; dort wurden die Daten vom Dateisystem des Telefons gezogen, repariert, bereinigt und auf ein neues Telefon gespielt.“

„Der beste Ratschlag, den ich jemals bekommen habe, war: Arbeite eng und gut mit Deinen Kollegen zusammen“
– Brendan Morgan

„Wir hatten also praktisch das Telefon auf ein Neues geklont“, erklärt er. „So konnten wir Fotos von einem Mord wiederherstellen, und das war die einzige Quelle, die uns die Leiche am Tatort zeigte. Es war ganz besonders dieser Fall, der mich in den Bereich Digital Intelligence zog. Der einzige Grund, dass wir den Fall lösen konnten, war, dass wir digitale Beweise aus einem Gerät holen konnten.“

Bei McHenry ging es um einen Schusswechsel mit der Polizei. „Wir hatten gerade unser erstes Cellebrite-Tool erhalten. Ich wurde am Samstagabend zu einer anderen Diesntstelle gerufen und nahm das Tool mit. Ein Beamter war in einen Schusswechsel verwickelt worden – ein junger Mann hatte versucht, ein Geschäft auszurauben, es kam zum Schusswechsel, und am Ende verwundete der Beamte den jungen Mann tödlich.“  

„Sie brachten mir das Telefon und baten mich, die Daten herunterzuladen. Als der junge Mann den Tatort verließ, schickte er nämlich jemandem Nachrichten auf seinem Telefon; wir gingen also davon aus, dass er dem Fahrer des Fluchtwagens schrieb“, erzählt McHenry. „Mit diesem neuen Tool konnte ich das Gerät vor Ort auslesen. Und währenddessen kam die Mutter auf die Polizeiwache. Man brachte sie also herein, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn getötet wurde, und fragte sie, ob man ihr Telefon auch auslesen darf. Und mit dem Tool und der Vergleichsanalyse vor Ort haben wir entdeckt, dass sie die Fahrerin des Fluchtautos war. Das war für mich eine Revolution.“

DIE ZUKUNFT DER POLIZEIARBEIT LIEGT IN DIGITAL INTELLIGENCE

„Die Daten SIND die Wahrheit“
– Danny Garcia

Diese Arten von Technologie haben die Welt der Ermittlungsanalytik grundlegend verändert und unzählige Vorteile gebracht. McHenry erklärt, dass viele ungeklärte Fälle neu aufgerollt wurden, als Ermittler verstanden, welche Arten von Daten gespeichert werden konnten, und sich an die Labore wandten. Aber er glaubt nicht, dass die Entwicklung schon am Ende ist: „Wir werden zunehmend lernende KI sehen, die mit der Analyse von Datenflüssen helfen wird.“

Garcia sieht es ähnlich: „In Zukunft werden wir weniger erschließbare Daten auf Telefonen sehen und mehr Cloud-Daten. Wir werden Informationen aus externen Quellen ziehen müssen.“

Aber unabhängig davon, wo die Daten gefunden werden: Eine erfolgreiche Analyse mit einem digitalen Tool ist nicht die einzige Komponente. Um einen Fall zu lösen, braucht man außerdem eine starke Partnerschaft mit internen und auch externen Teams.

„Wegen der knappen Zeit und des Drucks, an Beweise zu kommen und den Fall zu lösen, kann es zu Spannungen kommen“, so Garcia. „Man muss immer mehr als Team zusammenarbeiten, und diese Tools optimieren Arbeitsabläufe und die Zusammenarbeit. Damit können wir Fälle schneller und einfacher lösen.“

Aufgrund der intensiven Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ist es zu dem wichtig, auch hier gute Arbeitsbeziehungen zu pflegen. Auch da sind sich unsere Experten einig. 

„Der beste Ratschlag, den ich jemals bekommen habe, war: Arbeite eng und gut mit Deinen Kollegen zusammen“, sagte Brendan Morgan. „Es gibt so viele ineinandergreifende Zahnräder – also baue heute gute Beziehungen auf. Das wird morgen Dein Leben vereinfachen, denn Du wirst die anderen brauchen, um in Deiner Karriere und Deinen Ermittlungen Hindernisse zu überwinden.“

„Die Daten sind die Wahrheit. Lassen Sie den Staatsanwalt die Daten vortragen, um seine Argumente zu unterstützen; lassen Sie den Verteidiger seine Arbeit machen, und klären Sie Ihren Forensiker auf, bevor er die Beweise präsentiert – das lohnt sich auf jeden Fall“, so Danny Garcia. „Sie müssen da als Team ran, und die Informationen zusammen präsentieren. Stellen Sie sicher, dass Sie bereit sind, die Beweise schlüssig darzulegen, präsentieren Sie Ihre Information und regen Sie sich nicht über den Verteidiger auf. Er macht nur seine Arbeit. Vergessen Sie nicht: Die Wahrheit sind die Daten, nicht die Motive der Seiten.“  

„Die Daten führen Sie wissenschaftlich zu Schlussfolgerungen, wo auch immer diese liegen mögen. Versuchen Sie nicht, das zu ändern… denn jede Auslassung ist unehrlich“, sagt McHenry. „Das war der beste Ratschlag, den ich erhalten habe, und ich gebe ihn immer noch anderen: Sie suchen die Wahrheit.“

„Vergessen Sie nicht: Sie suchen die Wahrheit“
 John McHenry

Und die Wahrheit ist: Uns hat der Austausch mit diesen vier Ermittlern, die uns die Welt der Kriminalbehörden und digitalen Ermittlungen von ihrer menschlichen Seite gezeigt haben, viel Spaß gemacht. Ihre Leidenschaft, Stärke und Auffassungsgabe beeindruckt uns immer wieder. Sie sorgen für Gerechtigkeit und machen die Welt sicherer – heute, morgen und in Zukunft. 

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